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Hypertext will die lineare Abgefaßtheit von Text überholen, hinter sich lassen und zu neuen Formen der Textorganisation vorstoßen. So löst er den Text in Bestandteile auf, organisiert diese Teile neu, verbindet die Teile untereinander mit Fäden, computertechnisch "links", und organisiert das ganze als mehr oder weniger geordnetes Netz.
So wird ein Hypertext zu einer Collage aus Textstücken, zu einer Assemblage aus unterschiedlichem medialen Material wie Text, Bilder, Ton- und Filmsequenzen und zu einem Arrangement, einer lose gefügten Anordnung, wo die Frage nach einem Anfang - Ende - Zentrum überflüssig wird.
Nun stellt sich allerdings die Frage des Zusammenhangs, der Kohärenz. Eine neue Organisation des Wissens wird notwendig.
"Sollte das Buch funktionelleren Gedächtnissen weichen, dann wird man die in ihnen gelagerten Informationen mit weit raffinierteren Methoden als jenen des Aufschlagens und Blätterns zum Vorschein bringen. Eine ganze Wissenschaft und Technik betreffs dieser Methoden ist im Entstehen." Vilem Flusser denkt hier zwar eher an Dokumentationswissenschaften und "künstliche Intelligenz", aber er beschreibt auch an anderen Stellen die zentrale Idee von Hypertext, ohne den Begriff zu gebrauchen.
So wird das Lesen eines Hypertextes zum Navigieren. Die neu Form des Lesens ist das Lesen von Strukturen. Der Begriff des Lesens darf sich nicht am Textlesen, Buchstabenentziffern orientieren. Der Begriff "lesen" wird von uns in mannigfachen Kontexten gebraucht, allerdings meist zur Charakterisierung des Buchstabenlesen. Lesen ist ausdeutendes Bemerken differenzierender Merkmale. So lesen wir in der Pfotenspur die Merkmale des Tieres in seiner Situation. Wir lesen in einem Text die Bilder, sozusagen hinter dem Text den Argumentationsgang des Autors oder sogar die unbeabsichtigte Selbstbeschreibung des Autors. Lesen heißt also nicht nur Buchstaben und Wörter verlautlichen, Texte entziffern, sondern das darin eingekleidete, eben Argumente, Gedanken, Positionen, so zu erkennen als sei der Text gar nicht da.
Dies bedeutet für das Lesen von Hypertexten, daß nicht nur die einzelnen Bestandteile eines Hypertextes, wie Textstücke, Bildmaterial usw. gelesen werden müssen, sondern vor allem die Anordnung selbst, die Struktur muß "sprechend", informativ sein.
Vilem Flusser nannte dies "Die Lesart des 'Komputierens". Und später: "Das erratende Lesen gibt einem sinnlosen 'Urtext' Sinn. Es handelt sich dabei um eine Umkehrung der Bedeutungsvektoren: Der Leser entnimmt dem Gelesenen nicht mehr einen Sinn, sondern er ist es, der dem Gelesenen einen Sinn gibt."... "Er [der Leser] liest nicht mehr eine Zeile entlang, sondern er spinnt seine eigenen Netze." ... "Lesen wäre so gesehen fortlaufendes De-codieren." (Kursbuch S. 117 ff.)
Flusser hat hier einen zentralen Grundsatz der Hypertext-Diskussion formuliert. Hypertext als eine Chance zu einem individualisierenden, aktiv selektierenden und damit lesergesteuerten Lesen.
Hypertext wird somit zur Leseaufgabe. Das Lesen muß erlernt werden. Verschiedene Möglichkeiten sind:
a) Verweiszeichen und Lesermodellierung
Die Plazierung und visuelle Gestaltung von Verbindungszeichen, den "links"
stellt zwei Leseprobleme. Zum einen die "legability", also die
Entzifferbarkeit dieser Zeichen. Man muß die Zeichen lesbar, leicht
erkennbar halten, aber auch unauffällig und unaufdringlich, denn sonst
will der Leser den Text verlassen. Zum anderen die "readability",
also die Verständlichkeit, den operativen Sinn.
So wird eine bestimmte Erwartungshaltung gefördert, daß nämlich sogleich verfügbar ist und sofort erklärt wird, was eventuell nicht verstanden wurde.
b) Implizite Beziehungsnetze und das Problem der Unübersichtlichkeit
Das Darstellen von Bezügen muß konsequent sein. So steigt aber
auch die Gefahr, daß dieses Netzwerk von Beziehungen nicht mehr lesbar,
nicht mehr handhabbar ist, also auch nicht mehr informativ.
c) Lesbarkeit von Strukturbildern
Das Bauprinzip unterscheidet sich durch die verschiedenen Software-Programme.
"Storyspace" verwendet als Leitkonzept keinen Klappmechanismus
wie Guide oder Karteikarten wie HyperCard, sondern "spaces", die
man wie russische Puppen ineinander schachteln kann.
So wäre bei einer T - Struktur "Quersteigen" zwischen den
Säulen des Apparates nicht erlaubt. Der Leser muß auf die Vortragsebene,
das Zentrum zurück. Eine andere Variante ist bei einer hierarchischen
und thematischen Strukturierung, daß das Moment des fortlaufenden
Vortrags viel weniger betont würde, die Sicht auf den Text wäre
so mehr die von Blöcken und "Netzen" von Themen.
Einfaches Anbieten von Strukturinformationen reicht also nicht aus, man muß auch wissen, was man damit anfangen soll. Der Benutzer braucht daher eine Lernaufgabe und Anleitung zum Lesen und Verstehen von Strukturinformationen. Hypertexte sind zunächst Systeme für den schnellen Informationsabruf. Sie sind daher nur bedingt für die strukturierte Wissensvermittlung geeignet. Navigieren in einem Hypertext kann nicht spontan angewendet werden, sondern muß zuerst erlernt werden.
Das Anbieten von Strukturinformation führt also nicht automatisch zu besserem Verstehen und Behalten struktureller Zusammenhänge. Diese Annahme basiert auf einer Gegenüberstellung von "linearem" gedrucktem Text und "verzweigtem" Hypertext. Das Textverstehen ist jedoch ein Prozeß, der eine stark strukturierte und ausgearbeitete Gedächtnisrepräsentation aus den in "linearen" Texten enthaltenen Informationen erzeugt. Aber auch Hypertext kann letztlich nur sequentiell oder linear gelesen werden. "Linearer" und "verzweigter" Text unterscheiden sich demnach nur darin, daß es für die Lernenden mehr oder weniger deutlich ist, was sie als nächstes lesen können.
"Linear" ist und bleibt Lesen immer - kreisförmig, um die Ecke, mehreres simultan kann keiner lesen! Menschliche Informationsverarbeitung geschieht überwiegend "parallel": die Analyse der Sinneswahrnehmung, Abgleichung mit den Gedächtnisinhalten, Umsetzung der Ergebnisse in Gedanken, Gefühle, Handlungen. Aber das sprachliche Denken ist von Natur aus "seriell".
"Wir leben und denken und nehmen wahr und handeln in der Zeit, und Zeit bedeutet Sequenz, und Sequenz begründet die Erzählung.... Geschichten sind linear, selbst wenn ihr Gegenstand es oft nicht ist, und sie bleiben auch dann linear, wenn sie unchronologisch erzählt werden." (John Barth, amerikanischer Romancier)
Eine andere Seite des Leseproblems lernen wir bei "Afternoon" von Michael Joyce kennen. Dies ist ein Story Puzzle, das der Leser selbst zusammenbaut. Das dramaturgische Schema besteht darin, das in der Geschichte zentrale Ereignis durch eine Vielzahl von Pfaden vor dem Leser zu verstecken, so daß das Lesen zu einem Puzzle wird, zu einem nicht nur aktiven, sondern auch operativen Rekonstruieren. Text und Geschichte werden hier mit Hilfe der operativen Struktur des Hypertextes gegeneinander ausgespielt. E-Fiktion kann man an jeder Stelle betreten und verlassen und auf vielen Routen durchqueren. E-Fiktion löst die Linie der Erzählung auf, aber nicht nur irgendwie, sondern zwangsläufig in viele sehr kurze Stücke, "Lexien" genannt. Ständig ist der Leser auf dem Absprung zu neuen, ebenso kurzen Lexien.